„Ein europäischer Dialog in Mannheim zum 35-jährigen Jubiläum des Weimarer Dreiecks“

Mit den Klängen der Europahymne eröffnete das Orchester des Ludwig-Frank-Gymnasiums am 8. Mai 2026 einen Nachmittag, der aktueller kaum hätte sein können. Im Anna-Reiß-Saal des Museums Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim versammelten sich Diplomatie, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu einem „Runden Tisch zur europäischen Sicherheit“. Anlass waren gleich mehrere Jubiläen: das 35-jährige Bestehen des Weimarer Dreiecks sowie die jeweils zehnjährigen Jubiläen des Institut Français Mannheim sowie des Salon Diplomatique e.V. Mannheim.

Organisiert wurde die Veranstaltung durch den Salon Diplomatique und das Institut Français Mannheim in Kooperation mit dem Fachbereich Bundeswehrverwaltung der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, dem polnischen Kultur- und Bildungsverein Wawel sowie mit Unterstützung der Stadt Mannheim. Bereits der Titel der Veranstaltung – „Sicheres Europa – Was können wir tun?“ – machte deutlich, dass es nicht allein um geopolitische Analyse ging, sondern um die Frage nach politischer, gesellschaftlicher aber auch persönlicher Verantwortung.

Der Blick richtete sich dabei bewusst auf das sog. Weimarer Dreieck – jenes 1991 gegründete Bündnis zwischen Deutschland, Frankreich und Polen. Entstanden kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, symbolisierte es den Versuch, ein neues Europa nicht nur wirtschaftlich oder institutionell, sondern vor allem menschlich zusammenzuführen. Diese historische Dimension verlieh der Veranstaltung ihre besondere Tiefe: Drei Nationen, deren Verhältnis über Jahrhunderte von Kriegen, Besatzung und gegenseitigem Leid geprägt war, entschieden sich nach 1989 bewusst für Dialog, Versöhnung und gemeinsame Verantwortung. Heute, angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, neuer Sicherheitsbedrohungen und wachsender Spannungen innerhalb Europas, gewinnt dieses trilaterale Bündnis neue Aktualität.

Gerade vor diesem Hintergrund war es dem Salon Diplomatique, der seit Jahren für internationalen Dialog, diplomatische Verständigung und den Brückenschlag zwischen Kulturen und Nationen steht, ein besonderes Anliegen, einen europäischen Austausch über Sicherheit, gemeinsame Verantwortung und den Zusammenhalt in Europa zu initiieren und aktiv mitzugestalten.

Grußworte für Europa

Nach der musikalischen Eröffnung begrüßte zunächst Helmut Augustin, Präsident des Salon Diplomatique, die Gäste. In seinem Grußwort hob er die Bedeutung der Diplomatie im Alltag hervor. Diplomatie beginne nicht erst in Regierungspalästen oder auf internationalen Gipfeln, sondern „im Kleinen“ – im Zuhören, im ehrlichen Interesse am Gegenüber und im offenen Gespräch. Der Salon Diplomatique verstehe sich dabei als lebendiges Forum des internationalen Austauschs mitten in Mannheim. Gerade in einer Stadt, die seit jeher von Vielfalt und Internationalität geprägt sei, komme solchen Initiativen eine besondere Rolle zu.

Es folgte auch eine Einführung durch Cathérine Lisa Schleicher, Fachbereichsleiterin Internationales, Europa und Protokoll der Stadt Mannheim, die den thematischen Rahmen der Veranstaltung öffnete. In ihren Ausführungen betonte sie die engen Verflechtungen von innerer und äußerer Sicherheit. Die Herausforderungen Europas – vom Krieg in der Ukraine über Energieversorgung bis hin zu Fragen wirtschaftlicher Resilienz und gesellschaftlicher Stabilität – ließen sich nicht mehr isoliert betrachten. Sicherheit sei längst „kein rein militärisches Thema mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt“. Auch die Rolle Polens innerhalb Europas und die Bedeutung multinationaler Partnerschaften wurden hervorgehoben.

Besonderes Gewicht erhielt der Nachmittag durch das Grußwort von Oberbürgermeister Christian Specht. Er unterstrich die internationale Prägung Mannheims und verwies darauf, dass Frieden und Stabilität in Europa keineswegs selbstverständlich seien. Gerade Städte wie Mannheim lebten von Offenheit, Austausch und europäischer Zusammenarbeit. Die aktuellen Entwicklungen zeigten jedoch, wie fragil diese Ordnung geworden sei. Europa müsse enger zusammenrücken – politisch ebenso wie gesellschaftlich. Auch Specht betonte, dass innere und äußere Sicherheit, längst untrennbar miteinander verbunden seien: Geopolitische Konflikte, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe oder wirtschaftliche Abhängigkeiten wirkten sich unmittelbar auf das gesellschaftliche Leben innerhalb Europas aus. Frieden, Stabilität und demokratischer Zusammenhalt könnten daher nicht isoliert national gedacht werden, sondern nur gemeinsam europäisch. Gerade deshalb brauche es nicht nur politische Bündnisse, sondern auch Orte des offenen Dialogs, an denen Menschen, Institutionen und Nationen miteinander ins Gespräch kommen.

Klaus-Michael Spieß, Direktor der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Bundeswehrverwaltung, knüpfte daran an und verlieh der Debatte eine zusätzliche sicherheitspolitische Schärfe. Er erinnerte daran, dass Sicherheitspolitik kein Randthema mehr sei, sondern die gesamte Gesellschaft betreffe. Europa stehe vor der Aufgabe, seine Verteidigungsfähigkeit neu zu definieren und gleichzeitig seine demokratischen Werte zu bewahren. Auch die zunehmenden Gefahren durch Sabotage, Cyberangriffe und digitale Einflussnahme wurden thematisiert. Polen nehme hierbei – nicht zuletzt aufgrund seiner geografischen Lage und seiner historischen Erfahrungen – eine zentrale Rolle innerhalb Europas ein.

Im Anschluss übernahm die Geschäftsführerin des Institut Français in Mannheim, Juliette Luquet, das Wort und lenkte den Blick auf die kulturelle Dimension Europas. Sicherheit entstehe nicht allein durch Aufrüstung oder politische Beschlüsse, sondern auch durch Begegnung, Bildung und kulturellen Austausch. Gerade die deutsch-französische Freundschaft habe gezeigt, dass Verständigung zwischen ehemals verfeindeten Nationen möglich sei – ein Gedanke, der heute auch auf das trilaterale Miteinander mit Polen übertragen werde.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde auch das Grußwort von Folker R. Zöller, Honorarkonsul Frankreichs, verfolgt, der den europäischen Gedanken nicht abstrakt, sondern greifbar und menschlich formulierte: Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, wachsender Unsicherheit und gesellschaftlicher Polarisierung brauche Europa mehr denn je stabile Beziehungen und Orte des Austauschs. Dabei erinnerte er eindringlich an die historische Bedeutung des Weimarer Dreiecks, das 1991 nach dem Ende des Kalten Krieges gegründet wurde und bis heute für Versöhnung, Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung stehe. Besonders bewegend war sein Hinweis darauf, dass Deutschland, Frankreich und Polen trotz einer konfliktreichen Vergangenheit bewusst den Weg der Verständigung gewählt haben – ein europäisches Friedensprojekt mit aktueller denn je wirkender Symbolkraft. Gleichzeitig richtete er den Blick nach vorne: Europa entstehe nicht allein durch Verträge oder politische Institutionen, sondern vor allem dort, wo Menschen einander begegnen, voneinander lernen und gemeinsame Erfahrungen teilen. Auch die Rolle junger Generationen hob er hervor und verwies auf die Bedeutung des deutsch-französischen und deutsch-polnischen Jugendaustauschs. Wie aktuell und lebendig dieses Anliegen ist, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass mit Frau Pascale Trimbach auch die neue Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks unter den Gästen begrüßt werden konnte. Ihre Anwesenheit verlieh den Ausführungen über die Bedeutung grenzüberschreitender Begegnungen und des europäischen Austauschs eine besonders greifbare Aktualität. Mit einem Zitat des europäischen Vordenkers Robert Schuman – „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen“ – schlug Zöller schließlich die Brücke zur Gegenwart Europas.

 

Podiumsdiskussion und offener Austausch zur europäischen Verantwortung

Der Höhepunkt des Nachmittags war die Podiumsdiskussion mit den angekündigten Gästen: S.E. Rafał Wolski, Generalkonsul der Republik Polen in München, Brigadegeneral Henning Wecke vom Department of Strategic Support and Enablement des NATO Rapid Reaction Corps sowie General a.D. François Souvignet, Präsident der Vereinigung ehemaliger französischer Offiziere in Deutschland. Moderiert wurde die Diskussion von André Kühl.

Die Debatte entwickelte sich schnell zu einem intensiven Austausch über die sicherheitspolitische Zukunft Europas. Diskutiert wurden Fragen nach europäischer Verteidigungsfähigkeit, nach der Rolle der NATO und nach den Konsequenzen des Krieges in der Ukraine. Besonders eindringlich war die Überlegung, was Europa ohne die militärische Unterstützung der USA leisten könne und müsse. Ebenso wurde gefragt, welche Lehren Europa von Polen ziehen könne – sowohl gesellschaftlich als auch sicherheitspolitisch. Polen erscheine heute vielen als Vorreiter einer entschlossenen europäischen Sicherheitsstrategie.

Immer wieder fiel an diesem Nachmittag ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung zog: Europa braucht Zusammenarbeit. „Alleine geht es nicht“, lautete eine der zentralen Botschaften der Diskussion. Gleichzeitig wurde betont, dass Sicherheit nicht nur Abschreckung bedeute, sondern ebenso Frieden sichern müsse. Visionen müssten umgesetzt werden – politisch, institutionell und gesellschaftlich.

So wurde der Runde Tisch letztlich mehr als eine akademische oder diplomatische Veranstaltung. Er wurde zu einem Spiegel der gegenwärtigen europäischen Lage, geprägt von Unsicherheit und Krisen, aber ebenso von dem Willen, gemeinsam Antworten zu finden. Das Weimarer Dreieck erschien dabei nicht als nostalgisches Symbol vergangener europäischer Hoffnung, sondern als hochaktuelles politisches Projekt. Gerade heute, in einer Zeit geopolitischer Erschütterungen, könnte aus diesem Dreieck erneut eine besondere Kraft für Europa erwachsen.

Der Nachmittag im Anna-Reiß-Saal zeigte eindrucksvoll: Sicherheit ist längst keine abstrakte Frage der Außenpolitik mehr. Sie beginnt – wie mehrfach betont wurde – dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören. Genau darin lag vielleicht die wichtigste Botschaft dieser Veranstaltung.